Scribitis




Ich leide an einer sehr seltenen Krankheit, ich nenne sie „Scribitis“, von lateinisch scribere, das ist in Wikipedia nicht belegt. Sie ähnelt der weitaus verbreiteteren „Telefonitis“, ist aber extremer in ihren Auswirkungen. Bei der Telefonitis hängen die Leute stundenlang am Telefon und quatschen sich leer. D.h., wenn ihnen was einfällt. Manchmal schweigen sie sich auch an. Telefonitis scheint eine eher weibliche Krankheit zu sein, besonders Frauen können stundenlang telefonieren, und wenn man sie dann fragt, mit wem das jetzt so ausführlich sein musste, so war es oft die Freundin, mit der sie sich heute Nachmittag treffen werden.

Da die Liebe weiblich ist, werden verliebte Männer auch von der Telefonitis nicht verschont. Da kann es dann schon passieren, dass man alleine die Vorstellung der bestehenden elektrischen Verbindung mit der Geliebten genießt, und nicht viel mehr sagt als ein sich in Variationen wiederholendes „Hach mein Schatz, ich liebe Dich“. Der Vorteil beim Telefonieren ist, dass es nicht wichtig ist, was man sagt, sondern nur, dass man Verbindung hat. Bei der Scribitis ist es das Gegenteil: Man kriegt keine Verbindung, will Wichtiges sagen, wird aber nicht gehört oder gar mit Antwort bedacht.

Wann immer mich etwas freut, ärgert, erstaunt, oder ich eine Idee habe, eine neue Perspektive entdecke, habe ich den Drang, es aufzuschreiben. Nicht, dass ich dann wirklich alles aufschreiben würde, aber es beschäftigt mich in Form von Prosa, von ausgefeilten Texten, die durch mein Hirn schwirren und nach Perfektionierung des Ausdrucks heischen. Wie das entstanden ist, weiß ich nicht. Das Ausdenken von Texten wäre an sich aber nicht so schlimm. Leider schaffe ich es nicht, mich vom wirklichen Schreiben zurückzuhalten, und die Ergebnisse sind nach meinen eigenen Maßstäben weit schlechter als das Gedachte, und sie haben bisweilen verheerende Auswirkungen.

Wenn ich jemanden kennen lerne oder wieder treffe, und bei einem Glas Bier nette Worte wechsle, so wehe, ich komme an die email dieser angenehmen Person. Ich schaffe es dann, mich mit ein paar Zeilen so euphorisch für die nette Zeit zu bedanken, dass ich nie eine Antwort bekomme. Wenn es da einen netten Satz gab, vielleicht vom Anderen ganz belanglos gesprochen, so scheine ich in den Augen des Gesprächspartners daraus eine Grundsatzdiskussion machen zu wollen. Mit dem Ergebnis, dass 90% der von mir abgeschickten Mails nicht beantwortet werden. Das wiederum trifft mich zutiefst. Ich vergesse dabei, dass der (meist die) Andere eben nicht an Scribitis leidet, dass es für sie einen erheblichen Umstand bedeuten würde, zwei zusammenhängende Sätze als Antwort auf meine Mail zu formulieren. Würde ich anrufen, würde sie vielleicht 15 Minuten mit mir quatschen (dann kommt wieder die Freundin dran, die sie heute Nachmittag treffen muss). Aber eine Antwort formulieren…. Nee!

Beim Telefon ist es bei mir umgekehrt. Das Ding taugt für mich nur zur Terminvereinbarung. Und zur Abklärung einfacher geschäftlicher Vorgänge.

Meine Scribitis hatte auch schon mal positive Seiten: Werbetexte, Geschäftsberichte, Strategiepapiere entstanden ausformuliert in meinem Hirn, und ich konnte sie, zum Erstaunen meiner Kollegen, in kürzester zeit zu Papier bringen. (Die ich schreiben liess, musste ich hinterher sämtlich umschreiben.)

Und schöne Seiten: Man sagte mir nach, dass nur wenige Leute so schöne Liebesbriefe schreiben können wie ich. Leider liegt diese Fähigkeit seit einiger Zeit brach. Ach ja, gibt es das im SMS Zeitalter überhaupt noch, Liebesbriefe?

Umgekehrt, kann ich gerade in zwischengeschlechtlichen Beziehungen meine Enttäuschung so klar formulieren, sie mit solchem Sarkasmus unterlegen, dass durch meine Briefe leichte Missverständnisse zum größten Krach, ja zum endgültigen Bruch führen können.

Wie die meisten Suchtkrankheiten ist auch diese nicht heilbar. Wie man sieht. Denn nun habe ich schon wieder eine Seite über das Schreiben geschrieben.


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